Social Media für Kinder? Nein danke!

Sollte Social Media an der Primarschule unterrichtet werden? Wie soll man Kinder über die Gefahren von Facebook & Co. aufklären? Wie könnte man Social Media im Unterricht nutzen? Lehrer, Eltern und Kinder haben viele Fragen. Die eine, richtige Antwort gibt es nicht.

Beruflich leite ich Social-Media-Workshops für Erwachsene, oft sind das Geschäftsleitungsmitglieder und Kommunikationsprofis. Hier äussere ich mich für einmal als Vater. Mit Kindern meine ich junge Menschen bis zirka 12 Jahre oder bis zum sechsten Schuljahr.

Altersgrenzen und Durchschnittswerte sind für Kinder meist sinnlos, wer Bücher von Remo Largo gelesen hat, weiss das. Denn Kinder sind verschieden. Sehr verschieden. Sie kommen aus verschiedenen Familien, ihre Eltern sprechen verschiedene Sprachen, üben verschiedene Berufe aus, sie wohnen in verschiedenen Quartieren in unterschiedlichen Städten und Dörfern. Darum: Bitte lest meine Zeilen mit etwas Spielraum.

Blickpunkt Jugend: Bildbearbeitung in der Lehrlingsabteilung

Kinder sollten viel lernen, um für Social Media fit zu werden. Zum Beispiel über Bildbearbeitung.

Zu lernen gibt es mehr als genug

Spielraum ist auch für Kinder etwas tolles: die Umgebung erkunden, die Natur erobern, die Grenzen der Physik und des eigenen Körpers erfahren, Menschen kennen lernen … Kinder lernen spielend. Es gibt unheimlich viele spannende Sachen zu lernen, die Kindern später von Nutzen sein werden, wenn sie für Social Media alt genug sind:

  1. Texte lesen und schreiben; Ironie, Sarkasmus, Fragetechniken, Erzählmuster, Rechtschreibung und Zeichensetzung
  2. Fotografie und Bildbearbeitung, Filmtricks oder Videoschnitt; um zu erkennen, dass auch Bilder lügen können
  3. Allgemeinwissen, das vor Täuschungen und Lügen bewahren kann
  4. Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein, um auch Nein sagen zu können
  5. Helfen und trösten
  6. Kreatives: basteln, bauen, konstruieren, programmieren; Musik machen oder Tanzen
  7. Geld haben und sinnvoll ausgeben
  8. Nachrichten einordnen
  9. Sprachen
  10. Spiele am Brett und am Computer gewinnen und verlieren
  11. Entspannen, geniessen, nichts tun; regelmässig genug schlafen
  12. Grenzen und Regeln zu akzeptieren (oder mit gutem Grund zu brechen)
  13. Langeweile aushalten, sich selber beschäftigen

Das alles und noch viel mehr ist Lebenserfahrung, die man gut – wenn nicht besser – ohne Social Media sammeln kann. Auf dem Spielplatz, in der Bibliothek, mit Nachbarskindern, auf dem Schulweg, mit Hörspielen, oder indem man Making-of-Filme auf DVDs anschaut. – Liebe Kinder: wenn ihr nicht echte Wunderkinder seid (und die sind wirklich sehr selten), dann habt ihr ein Dutzend Jahre lang genug zu tun, auch ohne Social Media. Dafür seid ihr dann umso besser vorbereitet, wenn es losgeht.

Social-Media-Regeln und -Grenzen

Die meisten Social-Media-Plattformen haben Altersgrenzen in den Geschäftsbedingungen (AGB) … wohl nicht ohne Grund. Wir erziehen unsere Kinder dazu, Regeln einzuhalten und Grenzen zu akzeptieren. Kürzlich musste unser Sohn (12) fürs Gymnasium ein Google-Konto einrichten. Er war zu jung. Eher widerwillig half ich ihm, die Alterssperre zu umgehen. Geschäftsbedingungen sollte man lesen, verstehen, akzeptieren – oder die Sache halt bleiben lassen. – Also liebe Kinder: Bevor ihr mit Social Media loslegt, lest erst einmal die ganzen AGB durch und guckt dabei gleich nach, ob ihr alt genug seid.

Facebook: zu kompliziert, selbst für Erwachsene

Eine Sonderstellung unter den Social-Media-Plattformen nimmt bei mir derzeit Facebook ein. Obwohl ich mit 42 Jahren einigermassen erwachsen bin, wie erwähnt selbst Social Media unterrichte und darum einen guten Überblick habe: bei Facebook habe ich den Durchblick nicht mehr! Es ist mir schlicht zu kompliziert geworden. Kürzlich musste ich rund eine halbe Stunde suchen, um herauszufinden, wie man verhindert, dass das eigene Foto für die Werbung anderer verwendet werden kann.

Ausnahmen bestätigen die Regel

Sicher, hier und dort kann der Horizont via Social Media noch etwas erweitert werden. So schätzen es unsere Kinder, sich per Videotelefonie mit Grosseltern und Freunden in Dänemark zu unterhalten. Das ging aber früher auch einfach per Telefon und mit Fotos per E-Mail. Dänische Filme schauen wir auf DVD, während andere englische Filme auf YouTube gucken. Natürlich kann es auch nicht schaden, wenn Eltern oder Lehrer und Kinder gemeinsam recherchieren und dabei auch Social-Media-Plattformen berücksichtigen. Ich lese auch manchmal einen Tweet vor oder zeige der Familie ein lustiges Video, das mir empfohlen wurde. Das ist gut so und fördert das Medienverständnis – aber Pflicht ist es nicht und es eilt auch nicht.

Stadt-Land-Graben bei Social Media?

Zugegeben, unsere Kinder wachsen als Landeier auf und stehen nicht unter Druck von Freundinnen oder Freunden, die sich nur noch per WhatsApp unterhalten. Das mag in der City grundlegend anders sein, dann kann auch eine Social-Media-Frühförderung sinnvoll sein. Aber eben: im Sinne einer gezielten Massnahme aufgrund besonderer Umstände. So wie bei anderen Kindern zusätzliche Tennisstunden oder Sprachheilunterricht nötig sind, um den besonderen Gegebenheiten gerecht zu werden. Falls «Betroffene» unter meinen Lesern sind, würde es mich interessieren, wie ihr das handhabt.

Social-Media-Wissen für Eltern!

Kinder haben Fragen und sie haben ein Anrecht auf gute Antworten. Was darum dringend nötig ist, ist dass Eltern und Lehrer sich mit Social Media beschäftigen, am besten in Theorie und Praxis. Denn nur so werden sie zu verlässlichen und vertrauenswürdigen Partnern der Kinder und können sie unterstützen und aufklären. Die Möglichkeiten, Chancen und Gefahren von Social Media sind derart vielfältig, dass ein paar Jahre Einarbeitungszeit gut investiert sind, nicht nur wegen der Kinder! – Also liebe Eltern: Habt ihr Kinder im Chindsgi? Dann wird es langsam Zeit, mit Social Media etwas herumzuspielen. Sind die Kids schon in der Unterstufe? Dann fangt sofort an zu lernen!

Übrigens: Den Anstoss zu diesem Artikel gaben Su und Elias

Elias (11) hat Su Franke ein paar Fragen zu Social Media gestellt, die sie ihrerseits in ihrem Blog in die Runde geworfen und mit interessanten Informationen zum Thema ergänzt hat. Mit Philippe Wampfler, den sie zum Thema befragt, bin ich so weit einverstanden, dass im Rahmen des Unterrichts in Medienkunde durchaus auch Social Media einen Platz haben sollte. Aber eher auf der Mittelstufe als im Kindergarten. Da könnte man dann auch einmal die AGB von watson.ch lesen – aber das ist ein anderes Kapitel. Als permanentes Instrument im Unterricht sehe ich Social Media in der Primarschule nicht. – Also liebe Lehrerinnen und Lehrer: Widersprecht mir – oder pflichtet mir bei. Danke!

2 Gedanken zu «Social Media für Kinder? Nein danke!»

  1. tendenziell einverstanden; ganz klar sind Bücher, CDs und DVD sowie Telefon zugelassen und wenn passend ausgewählt sinnvoll; der notwendige Respekt vor Medienmissbrauch aber ebenso. 100% Beherrschung ist vermutl. ein zu hoher Anspruch, für Eltern wie Lehrer.

    • Danke für den Kommentar! Bei unseren eigenen Kindern hat die Sensibilisierung für Social-Media-Missbrauch durch die Schule erfreulicherweise sehr gut gewirkt. Das Bewusstsein für Gefahren ist vorhanden und dämpft die Lust, selber mitzumachen. – Und den 100-Prozent-Anspruch habe ich zum Glück nicht einmal an mich selber.

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